Stellungnahme von KidsCourage zum Kinderrechtefilmfestival 2015

 

Im Rahmen des Kinderrechtefilmfestivals (KRFF) Berlin 2015 des Kinder- und Jugendfilm Berlin e.V. in Kooperation mit dem Aktionsteam für Kinderrechte - Unicef und KidsCourage entstanden 16 Kurzfilme, die Kinderrechte thematisieren. Unter anderem entstand der Film „Bruchlandung mit Folgen“. KidsCourage distanziert sich von diesem Film und fordert vom Kinderrechtefilmfestival eine Rücknahme der Auszeichnung sowie eine Veränderung der pädagogischen Praxis.

 

 

I. Zum Film

Synopsis

 

          Der Film erzählt die Geschichte eine*r Außerirdischen, die*der unfreiwillig anstatt in Deutschland in Namibia landet. Dort findet sie*er eine Familie vor, die in einem Holzverschlag (einem Berliner Spielplatzgerüst) auf Sand sitzt – dies soll die Wohnung der Familie repräsentieren. Jene Familie wird durch braun geschminkte Kinder dargestellt, die Kleidung tragen, die im Verlauf als „zerrissen“ bezeichnet wird – und die nur eine halb leere Flasche mit verdrecktem Wasser bei sich haben. Der*die Außerirdische ist entsetzt über die vorgefundenen Zustände  (Kleidung, Hunger, Durst) und beschließt, zu helfen. Dazu bittet sie*er eine Freundin aus Deutschland um Unterstützung. Diese entscheidet, dass ein Brunnen gebaut werden müsse und sichert schnelle, problemlose Hilfe (Finanzierung des Brunnenbaus) zu. Es gelingt ihr, eine Spendenaktion zu organisieren, an der mehrheitlich weiße Deutsche beteiligt sind. Der dazugehörige Spendenaufruf titelt: „Wir spenden für arme Menschen in Afrika“, „Spenden Sie für arme Kinder in Afrika“ und „Spenden für Afrika“. Schließlich feiern alle Beteiligten zusammen neben dem gerade erbauten Brunnen die Rettung der Familie vor dem Durst.

            Anhand der Kriterien des Autor*innenKollektivs Rassismuskritischer Leitfaden [1] halten wir die Auseinandersetzung mit den nachfolgenden Fragen für notwendig:

·         Welche Botschaften werden hier transportiert?

·         In welchen (historischen, politischen, wirtschaftlichen) Zusammenhängen sind die gezeigten Haltungen, Bilder etc. entstanden?

·         Welche Mittel werden eingesetzt?

·         Welche Europakonstrukte werden als Gegenentwurf durch diese Afrikakonstrukte impliziert?

Der Film enthält die Botschaft, ganz Afrika sei mit Armut und Hilflosigkeit gleichzusetzen („wir sind hier in Afrika, viele Menschen sind hier sehr arm“), aus welcher sich die Betroffenen nicht selbst befreien können. Denn erst die selbstlose Hilfe von mehrheitlich weißen Deutschen führt zur Veränderung der Situation. Dieses Afrikabild wurde u.a. in der Kolonialzeit geschaffen und wird bis heute aufrecht erhalten. Um diese Botschaft zu vermitteln, bedient sich der Film den Mitteln der Reduzierung und Gleichsetzung. So ist zum Beispiel im Abspann vom „afrikanischen Vater“ und der „afrikanischen Mutter“ die Rede und die weißen Kinder werden in der rassistischen Tradition des blackfacing[2] geschminkt.

In einer Gegenüberstellung zur Situation in Deutschland wird das Afrikakonstrukt durch ein Deutschlandkonstrukt verstärkt, nach welchem Deutschland hilfsbereit und engagiert, unabhängig, reich und schuldlos am strukturellen Armutsproblemen ist: Wohlgemerkt jenes Deutschland, das zwischen 1880 und 1919 Kolonialmacht in Namibia war – und in dieser Zeit unter anderem den Aufständen von Herereo und Nama mit einem Vernichtungskrieg und Konzentrationslagern begegnet ist und dabei 70.000 und 100.000 Menschen ermordet hat.

Vor diesem Hintergrund wirkt das Bild des hier implizierten Ansatzes von „Entwicklungshilfe“ geradezu grotesk. Dies zeugt nicht nur von einem fehlenden historischen Bewusstsein der, den  Film  begleitenden Pädagog*innen, sondern es wird gänzlich auf eine Problemanalyse verzichtet: Vereinfachend gibt es im Film weder koloniale Vergangenheit, noch postkolonial-kapitalistische Gegenwart – der Wassermangel ist ein Naturproblem („Wir leben von der Landwirtschaft, dieses Jahr kam eine Dürreperiode“).

Nach anfänglich konkreter Verortung in Namibia ist im kompletten weiteren Verlauf des Films nur noch von Afrika die Rede. Im Sinne eurozentrischer Haltung, historischer Amnesie und vielfältigen rassistischen Vorurteilen skizziert der Film ein einseitiges und homogenes Bild von dem zweitgrößten Kontinent als vermeintliches Wissen.

Die Botschaften und Bilder des Films blieben bis zur Ausstrahlung des Films am 20. November entweder von allen pädagogisch Beteiligten unbemerkt oder wurden wissentlich hingenommen.

 

II. Defizite in der pädagogischen Arbeit

Das macht deutlich:

Die Botschaften und Bilder dieses exemplarischen Films verweisen auf die Strukturen des KRFF und die Haltungen der Veranstalter*innen, begleitenden Pädagog*innen und der Jury und machen deutlich, dass in vorrangig weiß gedachten Bildungskontexten, weiße Veranstalter*innen und Lehrende ihr eigenes Leben als neutral und normal im Sinne von normativ erleben. So werden  rassistische Diskriminierungsformen verinnerlicht und weitervermittelt.

Bei verinnerlichter Diskriminierung und ausbleibender Intervention wird das Dominanz- und Machtverhältnis für Diskriminierende und Diskriminierte zu einer akzeptierten Norm. Es bedarf einer kritischen Reflexion der eigenen Eingebundenheit in rassistische Machtverhältnisse, um diese Norm nicht weiter zu bestärken oder rassistisches Wissen zu reproduzieren. Wenn die eigene Position nicht bewusst und aktiv reflektiert, kritisiert und verändert wird, besteht trotz guter Absichten immer die Gefahr, selber zu diskriminieren. Dies ist in diesem Fall geschehen.

 

Bildungsauftrag des KRFF

Insbesondere da der Film von einer Erwachsenenjury einstimmig zum Sieger*innenfilm erklärt wurde und dem keine kritische Stellungnahme der Veranstalter*innen folgte, sondern der Film nun ganz im Gegenteil veröffentlicht wurde, stellen wir uns die Frage nach einer entsprechenden Sensibilität für antidiskriminierende Arbeit bei den Veranstalter*innen des KRFF und fordern diese auf, ihre Ziele und ihre pädagogische Arbeit grundlegend zu reflektieren, zu kritisieren, zu überarbeiten sowie zu den Ereignissen Stellung zu beziehen.

 

Insofern den Veranstalter*innen des Kinderrechtefilmfestival die Vermittlung und Umsetzung von Kinderrechten ein ernstes und ehrliches Anliegen ist – und soll zudem die Förderung von Medienkompetenz, zu welcher u.a. auch die Reflexion von Medienbildern zählt –, angestrebt werden, zeigt das oben beschriebene Filmbeispiel, dass dringender und grundlegender Handlungsbedarf besteht.

Aus dieser Erfahrung muss eine Grundstruktur und Pädagogik erwachsen, die die vorurteilsbewusste Selbstreflexion von Pädagog*innen voraussetzt und kontinuierlich fortführt, angemessene Strukturen schafft sowie durch eine antirassistische und antidiskriminierende Grundhaltung geprägt ist. Nur so kann eine inhaltliche und pädagogische Zielsetzung, an die der Maßstab der Gewährleistung der Kinderrechte angelegt wird, ernsthaft ermöglicht werden.

 

Zur Verwirklichung dieser Grundhaltung muss auf verschiedenen Ebenen agiert und die Praxis des KRFF entsprechend befragt werden:

Die erste Ebene ist die der Wissensaneignung zu Rassismus, Post-Kolonialismus, Geschlechternormen, Intersektionalität (Mehrfachdiskriminierungen, unterschiedlich gelagerte Privilegien).

Die zweite Ebene ist die  der Selbstreflexion:

·         Konzeptionell: Welche Ziele hat das KRFF auf welchen Ebenen? Welche Perspektiven sind im Team repräsentiert und gehört? Welche Perspektiven sind nicht vertreten? Wer konzipiert mit welchem Vorwissen Projekttage? Welches Wissen wird als relevant erachtet bzw. wie viel Raum wird welchem Wissen gegeben? Welche Perspektiven fehlen?

·         Strukturell und personell: Wer führt die Projekttage durch? Wer entwickelt wie und mit welcher Unterstützung das Drehbuch? Wer ist in der Jury vertreten? Wer ist in der Moderation vertreten? Wer entscheidet über was? Welche Mitsprache-, Austausch- und Evaluationsstrukturen und -möglichkeiten gibt es? Wer zählt zum Team? Ist Zeit für Teamfortbildungen vorgesehen? Gibt es einen pädagogischen Fachaustausch? Gibt es Möglichkeiten, sich im Team zum Beispiel zu den entstandenen Filmen zu besprechen?

·         Pädagogische Selbstreflexion: Wer sind die Zielgruppen? Von welchen Voraussetzungen kann bei den Zielgruppen ausgegangen werden und was muss entsprechend konzeptionell, methodisch und inhaltlich berücksichtigt werden? Welche Bildungsziele verfolgen die Pädagog*innen?  Welches Vorwissen, welche Vorerfahrungen und welche Haltungen haben die Pädagog*innen, die sie explizit oder implizit mit einbringen?

·         Inhaltliche Selbstreflexion: Welche Inhalte werden wie, von wem und warum vermittelt? Welche Bilder und Haltungen werden neben den vermeintlichen Inhalten noch mittransportiert?

·         Methodische Selbstreflexion: Berücksichtigen die Methoden die Zielgruppe und führen zu den vereinbarten Zielen?

·         Projektevaluation: Wer ist daran beteiligt? Wie können Kritik und Verbesserungsvorschläge zukünftig berücksichtigt werden?

 

III. Unsere Forderungen an die Veranstalter*innen des KRFF

Aus den Darlegungen leiten sich entsprechend folgende Forderungen an die Veranstalter*innen ab:

·        Wir fordern den Widerruf des Juryurteils und Stellungnahme(n) zum Juryurteil durch die Veranstalter*innen des KRFF.

·        Wir fordern die Nichtausstrahlung des Filmes verbunden mit einem sensiblen Umgang gegenüber der betroffenen Klasse u.a. durch

·        eine weiterführende Begleitung der Klasse und dem sensiblen Austausch mit dem Lehrpersonal,

·        die angemessene Informierung der Kinder,

·        das Gespräch über die fehlende Sensibilität auf Seiten aller begleitenden Pädagog*innen gegenüber den beteiligten Schüler*innen,

·        ein weiterführendes, themenbezogenes Projekttagsangebot für die Klasse z.B. durch KidsCourage, Glokal e.V. etc. sowie die sichere Teilnahme der Klasse am KRFF 2016 mit einem weiteren Film.

·        Wir fordern eine Podiumsdiskussion oder einen Vortrag zum Thema: Ist Diversity in der kulturellen Bildung angekommen? Wie können Ein- und Ausschlüsse und unterschiedliche Zugangschancen in der kulturellen Bildung (insbesondere in der medienpädagogischen Arbeit des KRFF) überwunden werden? Welche pädagogischen Grundhaltungen und Überlegungen sollten der rassismus- und herrschaftskritischen Unterrichtsplanung und Lernsituationen zugrunde liegen? Die Fragen werden entlang des Beispiels der Bildungsarbeit zu Afrika und Schwarzsein thematisiert.

Sollte eine Podiumsdiskussion stattfinden, ist die Zusammensetzung des Podiums entscheidend. Auf der Podiumsdiskussion sollen Schwarze Pädagog*innen und Pädagog*innen of Color und Vertreter*innen und Expert*innen der politischen, Antidiskriminierungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie Stellvertreter*innen des KRFF vertreten sein. Filmausschnitte können zur Argumentation verwendet werden.

·        Wir fordern die Diskussion und Verabschiedung der nachfolgenden Zielvereinbarungen im gesamten KRFF Team.

 

Zielvereinbarungen

            KidsCourage erachtet anhand der Kriterien des Autor*innen Kollektivs Rassismuskritischer      Leitfaden  die Auseinandersetzung mit den nachfolgenden Fragen für notwendig, um eine diskriminierungs- und rassismuskritische Praxis sicher zu stellen.

 

Zielvereinbarungen in Bezug auf die Pädagog*innen und Multiplilkator*innen:

·         Aneignen machtkritischen Wissens (Rassismuskritik, Diskriminierungskritik, Kritik an Geschlechterhierarchien),

·         Die Betrachtung der eigenen Einbindungen und Einstellungen u.a. in rassistische Machtverhältnisse, kritisches Hinterfragen der Konstruktion eigener Werte, Moralvorstellungen und des eigenen Weißseins von Pädagog*innen und Multiplikator*innen,

·         Kontinuierliche Reflexion, kontinuierliches Lernen, Selbstverständnis als ständig Lernende,

·         Didaktisches Handeln als eine kontinuierliche diskriminierungskritische und diverstitätsbewusste Alltagspraxis u.a. durch entsprechende Methoden (z.B. vorurteilsbewusste Pädagogik und diskriminierungskritische Methoden).

 

Zielvereinbarungen in Bezug auf die Lernenden:

·         Vollständige und freiwillige Teilhabe aller Kinder,

·         Wahlmöglichkeit von Themen und partizipatives Lernen,

·         Kritische Reflexionsfähigkeit u.a. durch Aufzeigen und Aufdecken rassistischer Verhältnisse durch Lernende und Betrachtung der eigenen Einbindung und Einstellungen und Sichtbarmachen von Normen und Normierungen,

·         Vielfältige Wissensressourcen der Lernenden einbeziehen und würdigen ohne Zuschreibungen an die Schüler*innen,

·         In Bezug auf die Filmentwicklung: Entwicklung von Themenschwerpunkten aus den Lebensrealitäten und Handlungsnotwendigkeiten der Lernenden heraus ,

·         Entwerfen von Handlungsstrategien z.B. durch kreative Filme die alternative Wege beschreiten anstatt Ungleichheiten zu reproduzieren,

·         Empowermentarbeit auf individueller, gruppenbezogener und struktureller Ebene,

(Unterstützung der Lernenden im Prozess der Selbstermächtigung, Unterstützung hin zu Autonomie und Selbstbestimmung, Unterstützung darin, Gefühle der Macht- und Einflusslosigkeit zu überwinden, Gestaltungsspielräume kennenlernen und nutzen).

 

Maßnahmen

KidsCourage ist von der Notwendigkeit mindestens der nachfolgenden Maßnahmen überzeugt, damit die vorstehenden Zielvereinbarungen erreicht werden können:

·         Planung und Umsetzung von Stellen und Honoraren für Expert*innen in der Antidiskriminierungsarbeit,

·         Einbeziehung von Kooperationspartner*innen und Kooperationsprojekten, die Erfahrung in der Kinderrechtevermittlung und der Antidiskriminierungsarbeit haben,

·         Regelmäßige Evaluation der Projekttage der bestehenden Kooperationspartner*innen, sowie

·         Regelmäßige Evaluation des Gesamtprojekts,

·         Hospitation von KRFF Teamer*innen bei Projekttagen, gegebenenfalls Aktualisierung und Überarbeitung von Projekttagskonzepten nach vereinbarten Standards,

·         Mehr Zeit für die (inhaltlich) wissensvermittelnden Projekttage,

·         Begleitung der Lehrer*innen durch Fachkräfte z.B. bei der Erarbeitung von Drehbüchern,

·      Erarbeitung von Juryfilmbewertungskriterien, die die vereinbarte Zielstellung berücksichtigen,

·      Besetzung einer diversen Jury.

 

IV. Was zu sagen bleibt

Die einseitigen und rassistischen Darstellungen Afrikas wirken gewaltvoll auf Schwarze Schüler*innen. Dies missachtet das Kinder- und Menschenrecht auf Nichtdiskriminierung und steht dem schulischen Bildungsauftrag entgegen, in welchem Gleichbehandlung und der Gleichstellungsgrundsatz verfassungsrechtlich verankert sind.

Sollten wir zu der Überzeugung kommen, dass obenstehende Kritik nicht hinreichend zur Kenntnis genommen und keine/nur wenige unserer Forderungen umgesetzt werden, wird KidsCourage die Kooperation mit dem Kinderrechtefilmfestival beenden.

 

 

 

Hjördis Hornung (Projektverantwortliche KidsCourage)

Chima Ugwuoke (Landesvorsitzende SJ Falken Berlin)

Kolja Schumann (ehemaliger Geschäftsführer SJ Die Falken Berlin)                              
 

 

 

 

 

 

       

 

 



[1]    Siehe: „Rassismuskritischer Leitfaden zur Reflexion bestehender und Erstellung neuer didaktischer Lehr- und Lernmaterialien für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit zu Schwarzsein, Afrika und afrikanischer Diaspora”, S. 34, online verfügbar unter: http://www.elina-marmer.com/wp-content/uploads/2015/03/IMAFREDU-Rassismuskritischer-Leiftaden_Web_barrierefrei-NEU.pdf

[2]    Zur jüngeren Debatte um Blackfacing in Deutschland siehe: http://isdonline.de/konferenz-blackfacing-weisssein-und-definitionsmacht-am-zeitgenoessischen-deutschen-theater-texte